/Positionspapier „Lingner Altstadtgarten“

Positionspapier „Lingner Altstadtgarten“

Mit Spannung darf in den nächsten Jahren die Wiederentstehung eines Stadtviertels auf dem ehemaligen Robotron-Areal erwartet werden, welches sich städtebaulich nach dem Wettbewerbssieger Peter Kulka weitgehend an der Vorkriegssituation orientieren wird.

Diese Planung beendet die bisher, für eine Landeshauptstadt an dieser Stelle unwürdige Situation, welche eher das Gefühl aufkommen ließ, sich in einem seelenlosen Industriegebiet mit Hinterhofcharakter zu befinden, als in zentraler Innenstadtlage vis-a-vis des Rathauses, des Hygiene-Museums und des Großen Gartens.

Die angestrebte Kleinteiligkeit, auf Grundlage der Parzelle im Straßenblock, sowie die Mischnutzung mit Kleingewerbe, Wohnungen und Büros sind bei guter Planung und Umsetzung in der Lage, diesen Teil der Pirnaischen Vorstadt endlich an das Zentrum anzubinden und ein lebendiges Viertel zu schaffen.


Quelle: Immovation AG

Dies entspricht auch lobenswerterweise der Kölner Erklärung des Instituts für Stadtbaukunst der TU Dortmund.*

Einer vollständigen Anbindung steht indes nur noch die überbreite Verkehrsschneise der St. Petersburger Straße im Weg. Infolgedessen sollte ihre Verschmälerung mittel- bis langfristig nicht aus den Augen verloren werden.

Die Beteiligung verschiedener Architekturbüros bei den Entwurfsplanungen der Häuser im wiederentstehenden Viertel könnte endlich von der Fassaden-Einfalt, der Beliebigkeit und Sterilität vieler bisher durchgeführter Projekte, wie es das Neubaugebiet oberhalb des Alaunplatzes eindringlich und beispielhaft aufzeigt, wegführen.


Lingnerstadt, Neubau eines Stadtviertels am Rathaus Dresden, Bauherr: GLOBAL CONZEPT GmbH IMMOVATION AG Unternehmensgruppe, Städtebauliches Konzept: Peter Kulka Architektur, Architekten Quartier 1: Peter Kulka Architektur kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH Chistoph Mäckler Architekten, Quelle: Stadt Dresden


Wir, von der Bürgerinitiative „StadtbilDD“, möchten uns auf diesem Wege an der Debatte beteiligen und unsere Ideen einbringen, um zum Gelingen der „Lingner Gartenstadt“ beizutragen.

Bisherige Veröffentlichungen legen nahe, dass die Architekturen der Häuser hinter den städtebaulich lobenswerten Plänen zurückbleiben werden. Um diesem Verdacht vorzubeugen, regen wir die Diskussion folgender Punkte zur Verbesserung der Planungen an:

  • Vermeidung durchgehender Flachdächer bei gleichbleibender Gebäudehöhe/Traufe

Unserer Meinung nach, ist es nicht zielführend, Flachdächern allein den Vorrang einzuräumen. Es ist zu überlegen, ob nicht für Dresden typische Mansarddächer ebenso Verwendung finden sollten. Unterschiedliche Gebäudehöhen, gerade in Abstimmung mit der gegenüberliegenden Straßenseite als korrespondierendes Pendant, schaffen interessante Torsituationen und lebendige Dachlandschaften. Auch sollte die Blickbeziehung von den Türmen der Altstadt über die „Lingner Gartenstadt“ hin zum Großen Garten als Ansporn für einen, nicht von Technikaufbauten auf grauen Flachdächern dominierten Anblick angesehen werden.

  • Eine Weiterentwicklung in der Dresdner Baukultur der letzten zwei Jahrzehnte bedeutet auch, klassische Stilelemente, die über das Dogma des Bauhauspurismus hinausgehen, abseits von Rekonstruktionen, in der Architektur zuzulassen.

In vielen deutschen Städten werden heute bei der Gestaltung von Neubauprojekten Anknüpfungspunkte an die Neue Sachlichkeit, des Art déco oder der Gründerzeit gesetzt. Gesimse, Lisenen, die Ausbildung eines gestalterisch abgesetzten Sockelgeschosses, Fenstersprossen und -laibungen oder gar der dezente Einsatz von Figuren und Ornamenten sollten für die alleebegleitende, repräsentative Position des Viertels Anwendung finden. Dies gilt in besonderer Weise bei den größeren Blöcken zur Lingnerallee – in der Gebäudeflucht zwischen Großem Garten und Rathaus – welchen eine deutlich herausragende, optische Wirkung zukommen sollte. Nirgends sonst wäre das alleinige Zurückgreifen auf puristische Ausformungen des Bauhauses in seiner Wirkung verheerender und würde diese Achse in seiner Wirkung banalisieren. Eine Entwicklung für das 21. Jahrhundert wäre im Vergleich zum Vorzustand der 1960/70er Jahre nicht zu erkennen.

  • Kolorierung, abseits des weiß/grau/schwarzen Spektrums

Um der Sterilität der Gebäude entgegenzuwirken, empfiehlt sich die Verwendung verschiedener nicht unbunter Fassadenfarben, die durchaus farbschematische Themen, wie hell/dunkel, warm/kalt und in Ausnahmefällen auch Komplementärkontraste zum Inhalt haben dürfen. Diese können zusätzlich durch unterschiedliche, möglichst regionaltypische Fassadenmaterialien oder Verklinkerungen, in ihrer Ausstrahlung unterstrichen werden. Von reinen „Sandsteintapeten“ ist abzusehen. Als Rahmen sollte eine gewisse Noblesse ausstrahlender und weitestgehend warmer Farbgebung Vorzug gegeben werden. Ein Farbkonzept ließe sich dazu von zeitgenössischen Künstlern, welche mit Dresden verbunden sind (etwa Gerhard Richter, Peter Graf, Petra Resch, u.v.m.), sicher gut entwickeln.

  • Einfachste geometrische Basiskörper (Würfel, Quader) dürfen nur die Basis, nicht das Endergebnis sein. Ecksituationen sind zu betonen!

Die Mehrdimensionalität der Häuser ist durch Erker oder Risalite zu unterstreichen. Gerade den Eckbauten kommt dabei auch städtebaulich eine besondere Bedeutung zu. Türme oder turmartige Erhöhungen und Rundungen, sowie Eingangssituationen zu Wohnräumen und Geschäften im Eckbereich beleben den Stadtraum. Der Ausformung der Sockelzonen ist besondere Aufmerksamkeit zu widmen und Sichtachsen mit interessanten Blickbeziehungen sind zu schaffen.

Reminiszenzen zu Bauten des Vorkriegszustandes, wie etwa des Kreuzgymnasiums, der Sekundogenitur oder des nahen Palais Kaskel/Oppenheim von Semper sollten angestrebt werden. Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass öffentliche Installationen auf die Geschichte und den Bezug (Georgplatz, Lehrerbildungsanstalt, Sekundogenitur, Karl August Lingner, VEB Kombinat Robotron) des Areals erwünscht sind. Diese können in Form von Denkmälern, Park-, Platz- und Weggestaltungen, Brunnen, Kunst im öffentlichen Raum und zitierende Architekturen erreicht werden.

Schlussbetrachtung

Mit dem zu entwickelnden Gebiet der „Lingner Gartenstadt“ bietet sich der Stadt Dresden die Chance, an städtebaulich bedeutende Errungenschaften des beginnenden 20. Jahrhunderts anzuschließen und auch gestalterisch die Messlatte, nach den Einbrüchen der letzten Jahre, wieder ganz nach oben zu hängen.

Wir verlangen ausdrücklich keine 1:1-Wiedererstehung des Gebietes im Vorkriegszustand und verfolgen auch keine strikten Rekonstruktionen wie am Neumarkt. Wir befürworten die städtebauliche Planung nach Kulka und unterstützen die Umsetzung der geplanten Straßenzüge und der dazugehörigen Gebäudestrukturen. Einzig und allein bei den massiven Blöcken entlang der Lingner-Allee sollte die unvermittelte Abkehr von der im Inneren des Gebietes wohltuend ausgeprägten Kleinteiligkeit dringend überdacht werden.

Anzustreben ist indes eine Überwindung der kargen und gestaltungsarmen Bauherrenarchitektur, eine architektonisch abwechslungsreiche Ausprägung verschiedener Stile, die sich mit der erhaltenen Dresdner Bausubstanz misst und sich ihr nicht unterordnet, eine Korrektur der Orientierung an überholten Architekturdogmen der Postmoderne und des Bauhauses, hin zu einer Architektur für den Menschen, seines Sinnes für Abwechslung und Ästhetik, für Detailreichtum und der Erkenntnis, dass eine farbige Umgebung dem menschlichen Gemüt zuträglicher ist, als bloße Nuancen in Grau.

Wir fordern die Mitsprache und Einbeziehung aller interessierten Bürger bei der Entscheidung über die Fassadenentwürfe auf dem ganzen Areal ein, was Maßnahmen zur Förderung der Diskussion und zur Vorstellung der Entwürfe, noch vor der Genehmigung durch Stadtplanungsamt, Bauausschuss und des Stadtrates, voraussetzt. Sollte dies nicht umsetzbar sein, müssen wenigstens Vertreter Dresdner Interessengruppen die Gelegenheit bekommen, auf die phänotypische Ausprägung der Gebäudearchitekturen Einfluss zu nehmen – unter anderem durch einen Workshop unter Beteiligung der Gestaltungskommission Gesamtstadt Dresden, des Stadtplanungsamtes, des Baubürgermeisters und u.a. von StadtbilDD.

Es ist sicherlich keine Übertreibung, wenn man feststellt, dass Dresden mit diesem Projekt eine große Chance zur Ausbildung eines wegweisenden neuen Städtebaus bekommt. Diese darf die Stadt nicht leichtfertig vergeben, indem einige wenige über eine Zukunft entscheiden, an der, aufgrund der exponierten Lage der „Lingner Gartenstadt“, alle Menschen in Dresden – ob Einheimische oder Besucher – teilhaben werden.